Beschießung Niederbühl

Seite des Historischen Vereins Rastatt

Niederbühl wurde am  8.Juli 1849 völlig zerstört

Warum gibt es in Niederbühl kaum alte Häuser? So fragte ein Architekt, der dort hingezogen ist und sich für die Geschichte des Ortes interessiert. Die Antwort führt uns in die Zeit der badischen Revolution von 1849, als das Dorf Schauplatz der Kämpfe zwischen Revolutionären und dem preußischen Belagerungsheer wurde. So wie das Dorf Rheinau lag auch Niederbühl sehr nahe an der Festung und damit im Schußfeld der Festunsartillerie, außerdem konne es dem Feind als Unterschlupf und Deckung dienen. Das sollte sich am 8. Juli 1849 bitter bewahrheiten, der als  „Schwarzer Tag“ in die Geschichte von Niederbühl eingegangen ist. Die großherzoglichen Kriegsbeobachter Orff und Lang berichteten dem Innenministerium in Karlsruhe folgendes: Nachdem die Aufforderung des Grafen von der Gröben an die revolutionäre Besatzung zur Übergabe der Festung ohne Erfolg geblieben war, hatten die Preußen begonnen, die Stadt zu beschiessen. Zwei Batterien, eine zwischen Rauental und Niederbühl am Eisenbahndamm und die andere zwischen Ötigheim und Steinmauern zum Rhein hin, warfen Granaten und glühende Kugeln in die Festung. Obwohl viele der Granaten wegen zu kurzer Zündröhre in der Luft zu früh platzten, zeigte doch bald eine aus Rastatt aufsteigende Rauch- und Feuersäule den Erfolg der Beschießung. „Es brannten mehrere Häuser ab, und zwar in der Capellenstraße, -worunter sich auch das Wirtshaus zum Pflug oder zum Waldhorn befinden soll.“ Am Sonntag, dem 8. Juli, vor Sonnenaufgang begann die Beschießung von neuem, diesmal setzten die Belagerer bei der Batterie am Eisenbahndamm auch Mörser ein, „aus welchen die Bomben scharf nach Rastatt hineinpfiffen. Die […] Geschosse zündeten auch diesmal wieder an mehreren Orten, allein durch die in der Stadt getroffenen Vorsichtsmaßregeln, wo, wie man hört, die meisten Dächer durch aufgelegten Dung, frischen Rasen u.s.w. geschützt sind, kam es zu keinem bedeutenderen Ausbruch oder Umsichgreifen des Feuers.“ Die Kanoniere von den Festungswällen schossen zurück, die Batterie bei Ötigheim wurde im Munitionswagen demontiert, mehrere Pferde erschossen und einige Kanoniere verwundet. Doch dann, nachdem das Feuer den Tag über ziemlich geschwiegen hatte, unternahmen die Aufständischen am Nachmittag einen Ausfall, der ein lebhaftes Gefecht zur Folge hatte. „Zum Carlsruher Thor heraus rückten aus der Festung gegen 1000 Mann, theils Volks- und Rastatter Bürgerwehr in Blousen, theils badische Infanterie; mit 4 Kanonen. Die zur Deckung der Batterie am Eisenbahndamm aufgestellte preussische Infanterie leistete hartnäckigen Widerstand und richtete mit ihren Zündnadelgewehren große Verheerungen unter den Angreifern an.“
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Auch beim Kehler Tor war ein Trupp herausgebrochen und kämpfte. Das Unglück nahm seinen Lauf:
„Das Dorf Niederbühl, welches durch seine nahe Lage gegen die Festung hin den Aufständischen ein besonderer Dorn im Auge zu sein schien, wurde von denselben in Brand geschossen, und dieselben sollen noch, als sie einige Augenblicke in Niederbühl Posto gefasst hatten, die noch nicht brennenden Häuser einzeln in Brand gesteckt haben.
Die Einwohner des Dorfes hatten fast sämtlich schon vor mehreren Tagen dasselbe verlassen, auch ihr Vieh und ihre fahrende Habe so weit möglich, in Sicherheit gebracht.
Im Ganzen wurden gegen 20 Wohnhäuser, einige Scheunen, die Kirche und das Rathaus ein Raub der Flammen.“
Und der Berichterstatter fügt hinzu:
„Das Unglück, was diese Gemeinde betrifft, ist umso unverdienter, als dieselbe von jeher eine der tüchtigsten und ordnungsliebendsten der ganzen Umgegend war und an dem aufrührerischen Treiben der letzten Monate keinen Antheil genommen hat.
Das Gefecht dauerte bis gegen 10 Uhr Abends und endete mit einem ungeordneten Rückzug der Ausfallsmannschaft nach Rastatt. Viele Todte und Verwundete blieben auf dem Kampfplatze zurück und angeblich gegen 200 Gefangene fielen in die Hände der preussischen Truppen. Dieselben wurden über Rauenthal nach Muggensturm u. Carlsruhe gebracht. Unter den hier zurückbehaltenen Gefangenen befindet sich auch ein Anführer derselben, der Rastatter Bürgerwehrmann u. Scribent bei der Obereinnehmerei, Bauer.
Auch preussischerseits war der Verlust nicht unbedeutend. Mehrere Todte blieben in dem Treffen u. gegen 30 Verwundete, worunter einige Officiere, wurden nach dem in Ettlingen eingerichteten Feldlazareth verbracht.“
Der Kommandant Tiedemann solle erklärt haben, „wenn die Bürger fortführen, auf die Uebergabe der Festung zu dringen, so werde er zuerst die Stadt in Asche legen lassen.
Die Besatzung u. die Lebensmittel sind in den bombenfesten Casematten untergebracht.
Damit die Rastatter Mühlen außer Thätigkeit gesetzt werden, ist der Gewerbscanal, an welchem sie liegen, oberhalb Kuppenheim beim Bischweierer Teich abgegraben worden.“


Soweit der amtliche Bericht vom 8. Juli 1849.  Als die Niederbühler nach der Kapitulation der Festung am 23. Juli zurückkehrten, erwog die Obrigkeit zunächst den Abriß und Neuerrichtung des Ortes bei Förch, doch aus Kostengründen ließ man den Plan fallen. Die Brandopfer erhielten eine geringe Entschädigung und bauten ihre Kirche und Häuser wieder auf. An das Gefecht vom 8.Juli 1849 erinnern heute noch Kanonenkugeln, die auf dem Feld aufgelesen und in einige Gartenmauern eingebaut wurden.


Dr. Irmgard Stamm
Rastatt, 5. Mai 2013
Foto Irmgard Stamm


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